Bilde dir deine eigene Meinung!

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Zitat & Fundstück Veröffentlicht am 23. September 2026

Reihe: Bilde dir deine eigene Meinung!

Macron-Rede vor UN-Vollversammlung am 22.09.2026

Grafik: Eine Lupe über einem Textdokument, daneben der Schriftzug „Bilde dir deine eigene Meinung! – Ungekürzte Originaldokumente, ohne Kommentar.“

Die Rede von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen am 22. September 2026 in New York – vollständig und ohne Kommentar.

Über diese Rede wird viel berichtet, meist in kurzen Ausschnitten und oft schon mit einer fertigen Bewertung. Ich stelle sie deshalb hier im vollständigen Wortlaut in deutscher Übersetzung zur Verfügung. Lesen Sie selbst und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

Hinweise zur Übersetzung

Grundlage ist die französische Transkription des Originaltons, die UN Web TV automatisch erstellt hat. Die Vereinten Nationen weisen darauf hin, dass sie Fehler enthalten kann. Zum Abgleich wurde die ebenfalls automatisch erstellte englische Mitschrift der Simultanverdolmetschung herangezogen. Ein offizieller Redetext lag zum Zeitpunkt der Übersetzung noch nicht vor.

Die Übersetzung folgt dem gesprochenen Wort. Offensichtliche Fehler der automatischen Spracherkennung wurden sinngemäß korrigiert (z. B. „Boukavou“ → Bukavu, „BBNG“ → BBNJ, „ACTA“ → ACT-A). Ergänzungen der Übersetzung stehen in eckigen Klammern. Zwischenüberschriften wurden zur besseren Orientierung eingefügt und sind nicht Teil der Rede.

Die Zahlen und Behauptungen werden so wiedergegeben, wie sie in der Rede gefallen sind; sie wurden nicht auf ihre Richtigkeit geprüft.

Quelle: UN Web TV – France, General Debate, 81st Session (Video mit französischem Originalton)

Inhalt

  1. Rede von Präsident Emmanuel Macron
  2. Erstens: Kein Fatalismus angesichts des Krieges
  3. Zweitens: Keine doppelten Standards
  4. Drittens: Keine Spaltung zwischen Nord und Süd
  5. Viertens: Klima und Biodiversität
  6. Fünftens: Künstliche Intelligenz
  7. Schluss: „Geben wir nichts preis“

Eröffnung durch den Vorsitz der Generalversammlung

Danke, [Königliche Hoheit,] Großherzog von Luxemburg. Die Versammlung hört nun eine Ansprache Seiner Exzellenz Emmanuel Macron, Präsident der Französischen Republik. Ich bitte das Protokoll, Seine Exzellenz hereinzugeleiten, und lade ihn ein, vor der Versammlung zu sprechen.

Rede von Präsident Emmanuel Macron

Frau Präsidentin, Frau stellvertretende Generalsekretärin, meine Damen und Herren Staats- und Regierungschefs, meine Damen und Herren Minister, meine Damen und Herren Botschafterinnen, Botschafter und Delegierte, liebe Freunde,

seit heute Morgen folgen hier die Reden aufeinander, die den Zustand der Welt beschreiben, und ich fürchte, ich werde bei dieser Beschreibung wenig originell sein. Jeder beschreibt nämlich die Rückkehr des Imperialismus, der Arroganz, die Rückkehr zur Gewalt ohne Regeln und ohne Zurückhaltung – im Grunde eine Welt der Machtkonzentration, in der einige glauben, man könne die internationale Ordnung aushebeln, um die eigenen Grenzen zu erweitern; in der andere glauben, man könne die Souveränität der Völker mit Füßen treten, um selbst über sie zu verfügen; und in der einige glauben, über die Zukunft des Planeten entscheiden zu können, sei es beim Klima oder bei der künstlichen Intelligenz.

Und im Grunde lautet die Frage, die uns gestellt ist, ganz einfach: Wollen wir in diesem Naturzustand leben, mit einer Art Rückkehr zum Gesetz des Dschungels, oder in einer zivilisierten internationalen Gemeinschaft? Unsere Pflicht ist es mehr denn je, aufrecht an der Seite der Vereinten Nationen zu stehen, um gemeinsam über das Gemeinwohl zu entscheiden – also auf der Seite derer, die ihr Schicksal, ihre Bündnisse, ihre Entwicklungsmodelle, ihre Zukunft frei wählen wollen; auf der Seite derer, die sich weigern, dass ihnen ihre Souveränität durch ungerechte Gewalt oder durch Angst genommen wird; und auf der Seite der Hoffnung.

Das ist die Daseinsberechtigung unserer Organisation, dieses gemeinsamen Hauses, das freie und gleiche Völker vereint und auf der souveränen Gleichheit jedes seiner Mitglieder beruht. Es ist unsere Charta, die verhindert, dass die Macht der einen es ihnen erlaubt, für die anderen zu entscheiden. Vor allem aber verpflichtet sie uns, gemeinsam unser Engagement und unsere Fähigkeit zu nützlichem Handeln unter Beweis zu stellen. Sie kennen die Verbundenheit Frankreichs mit den Vereinten Nationen und seinen Willen, die besondere Verantwortung, die ihm die Charta überträgt, voll wahrzunehmen.

Und ich möchte Ihnen auch die Zusage meines Landes übermitteln, mit jedem von Ihnen daran zu arbeiten, die Voraussetzungen für multilaterales Handeln zu erneuern und zu zeigen, dass wir gemeinsam stärker, wirksamer und besser in der Lage sind, die gemeinsamen Herausforderungen zu bewältigen – die von heute und die, die noch kommen und die wir noch nicht überblicken, während sich um uns herum alles verändert. Ich sprach vom Klima und von der Umwelt; das gilt ebenso für Krieg und Frieden, und selbstverständlich für die Technologien wie für die Entwicklung. Im Grunde müssen wir in jedem dieser Bereiche, wo das Recht des Stärkeren sich durchzusetzen versucht, die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl verteidigen – und das in unser aller eigenem Interesse, denn es ist unsere Charta, die diese Möglichkeit des Zusammenlebens schützt.

Angesichts des Laufs der Welt und der Tatsache, dass wir heute eine Häufung von Kriegen erleben, die wir nicht lösen können, von Krisen, die sich vervielfachen, und von Herausforderungen unserer Zeit, die einen neuen Schatten auf die jungen Generationen werfen, glaube ich: Unsere Pflicht ist es, nicht nachzugeben.

Und im Grunde ist die Botschaft, die ich heute überbringen will, wie seit neun Jahren, eine Botschaft der Entschlossenheit, eines Optimismus der Tat. Ich möchte Ihnen sagen: Geben wir nicht dem Geist der Niederlage nach, nicht dem Fatalismus, nicht dem, was gerade in Mode ist und darauf hinausliefe, sich damit abzufinden und zu sagen: „Zu dieser Organisation kommen wir, um Reden zu halten, aber sie nützt nicht mehr viel. Schaffen wir andere Organisationen, in denen das Recht des Stärkeren gewinnen kann, und vielleicht kann man dann einen anderen Frieden erzwingen.“ Geben wir dem nicht nach, heute noch weniger als gestern, und zwar in fünf Punkten. Das sind die fünf Anmerkungen, die ich machen möchte.

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Erstens: Kein Fatalismus angesichts des Krieges

Erstens: Geben wir nicht einer Art Fatalismus angesichts des Krieges und des Leids der Völker nach. Wir müssen uns erneut dafür einsetzen, konkrete Lösungen zu finden und Frieden zu schaffen. Das Völkerrecht hat nie behauptet, die Wirklichkeit zu beschreiben. Es benennt die Grenzen, die sich souveräne Mächte freiwillig gesetzt haben – damit Gewalt nicht das einzige Mittel bei Meinungsverschiedenheiten ist und damit selbst in der Konfrontation des Krieges der Feind ein Mensch bleibt. Das sind die Lehren des 20. Jahrhunderts. Wer sie heute vergessen will, begeht zugleich einen moralischen Fehler und einen politischen Irrtum.

Doch die Wirklichkeit ist da. Im Nahen Osten, in der Ukraine, in Afrika eröffnet die Industrialisierung von Kriegsverbrechen, von Rechtsverletzungen und der Zerstörung ziviler Infrastruktur ein neues Zeitalter der Barbarei. Keiner von uns kann derjenige sein wollen, der den Schutzrahmen der Genfer Konventionen demontiert, während sich die Angriffe mehren – von Dnipro bis Gaza, von Bukavu bis El-Fasher. Mit Jordanien und dem IKRK wird Frankreich seine Anstrengungen daher fortsetzen, damit die weltweite Initiative für das humanitäre Völkerrecht, der sich bereits mehr als 116 Staaten angeschlossen haben, uns dazu bringt, unsere Verpflichtungen gemeinsam zu erneuern. Wir müssen uns erneut dafür einsetzen, unsere humanitären Helfer zu verteidigen und das humanitäre Völkerrecht in dieser Zeit zu verteidigen.

Wie viele von uns oft gesagt haben: Gerade weil es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit gibt, unterstützt Frankreich weiterhin politisch wie operativ die internationalen Mechanismen der Justiz, der Ermittlung und der Beweissicherung, insbesondere die Untersuchungsmissionen, und wir unterstützen und werden weiterhin den Internationalen Gerichtshof und seine zentrale Rolle unterstützen. Wir können die neue Ordnung der Straflosigkeit, die manche errichten wollen, nicht hinnehmen.

Auch deshalb unterstützt Frankreich im Sicherheitsrat Reformen, die seine Wirksamkeit sichern. Was die Zusammensetzung betrifft, müssen wir ihn natürlich für neue Mitglieder öffnen, für neue Weltregionen, allen voran Afrika. Aber auch in der Sache muss der Sicherheitsrat gegen massive Verletzungen des Völkerrechts handeln können. Wer kann sich angesichts der Barbarei mit einer verfahrensmäßigen Blockade abfinden? Die französisch-mexikanische Initiative zur Beschränkung des Vetorechts bei Massenverbrechen ist nötiger denn je. Und ich freue mich, dass sie inzwischen von 128 Mitgliedstaaten unterstützt wird. Die Kampagne muss weitergehen, damit sie sich durchsetzt, also die Zusage jedes ständigen Mitglieds des Sicherheitsrats gewinnt.

Aber es genügt nicht, das Recht anzurufen und unsere Werte zu beschwören, um die Verpflichtungen zu erfüllen, denen wir alle beim Beitritt zu den Vereinten Nationen zugestimmt haben. Unsere Pflicht ist das Handeln. Frankreich ist dazu bereit, in einer Koalition mit allen, die im Einklang mit den Grundsätzen der Charta handeln wollen und die Ohnmacht nicht hinnehmen.

So vereint in der Ukraine die Koalition der Willigen, die wir mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland gebildet haben, alle, die bereit sind, Frieden und Stabilität im Herzen Europas zu garantieren – dort, wo zwei Weltkriege begonnen haben, und was niemanden gleichgültig lassen kann. Viele hier wissen besser als jeder andere, was die Rückkehr des Krieges nach Europa bedeuten kann. Wir werden dabei nichts preisgeben. Die Koalition der Willigen führt diesen Kampf.

Im Nahen Osten haben wir eine unabhängige und multinationale Koalition aufgestellt, um die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus wiederherzustellen. Diese darf nicht zum Gegenstand von Erpressung werden. Das ist ein Kardinalprinzip des Völkerrechts, und es liegt im Interesse aller, dass die Schiffe die Meerenge sicher passieren und die Energieversorgung unserer Länder gesichert ist. Die Wiederöffnung der Straße von Hormus ist eine Priorität. Die Achtung des Völkerrechts ist dort eine Priorität, im Interesse aller, und Frankreich wird sich dafür einsetzen.

In Afrika tragen wir eine gemeinsame Verantwortung angesichts der Krisen, die sich häufen, und der Antworten, die ausbleiben. Mitten in den Konflikten müssen die Friedensmissionen wirksamer werden, und dafür müssen sie über angemessene Mittel verfügen und besser zwischen den Vereinigten Staaten [möglicherweise: den Vereinten Nationen] und den Gaststaaten abgestimmt werden. Ich sprach bereits 2018 von der Rolle der Regionalorganisationen und von einer besseren Abstimmung zwischen ihnen und den Vereinten Nationen. Beim Gipfel „Africa Forward“ in Nairobi mit mehr als 30 afrikanischen Staatschefs und dann am Sitz der Afrikanischen Union in Addis Abeba haben wir es an der Seite der UNO klar gesagt: Die Afrikanische Union und die Regionalorganisationen müssen in der Lage sein, ihre Rolle für Frieden und Sicherheit auf dem Kontinent voll wahrzunehmen. Wir werden im November in Paris, am Rande des Pariser Friedensforums, eine Konferenz zur Wiederauffüllung des Friedensfonds der Afrikanischen Union ausrichten, und ich rufe alle möglichen Geldgeber auf, dort starke und konkrete Zusagen zu machen.

Also: angesichts der Kriege nicht nachgeben, uns erneut engagieren, im Einklang mit der Charta nach Lösungen suchen.

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Zweitens: Keine doppelten Standards

Der zweite Grundsatz ist, der ständigen Versuchung doppelter Standards nicht nachzugeben. Denn sie spalten unseren Planeten und untergraben die Glaubwürdigkeit und Stimmigkeit unserer internationalen Ordnung und unserer Charta. Wie oft haben wir gehört, dass die Souveränität der Völker in Europa gelte, dass man aber, wenn es um den Nahen Osten oder Afrika gehe, gut auf sie verzichten könne? Nein, wir müssen überall dieselben Grundsätze verteidigen und das im Einklang mit der Charta tun, also unter Achtung der Souveränität eben dieser Völker, niemals, indem wir uns an ihre Stelle setzen. Und jedes Mal, wenn einzelne Staaten – manchmal sogar im Namen der internationalen Ordnung – sich an die Stelle eines Volkes setzen wollten, um dieses Regime oder jenes System zu ändern, haben sie diese Staaten in noch größeres Chaos gestürzt. Keine doppelten Standards. Ein Leben ist ein Leben. Frieden und Sicherheit sind unteilbar, und alle haben ein Recht darauf.

In der Ukraine führt Russland seit fast fünf Jahren einen grausamen Krieg gegen die Zivilbevölkerung und hält das Staatsgebiet eines souveränen Landes besetzt. Frankreich wird die legitimen Bestrebungen des ukrainischen Volkes nach Frieden, Sicherheit und Zukunft weiterhin unerschütterlich unterstützen. Zugleich wird es keine Mühe scheuen, damit so schnell wie möglich sinnvolle Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland beginnen. Wir müssen die Ukrainer verteidigen, mehr denn je vor dem nahenden Winter: sie bei der Energieversorgung verteidigen, damit sie mehr Abfangraketen erhalten, und ihre Zivilbevölkerung schützen.

Auch deshalb unterstützen wir die Initiative eines doppelten Moratoriums: ein Moratorium auf beiden Seiten für [Angriffe auf] Energie und zivile Infrastruktur und ein Moratorium für das Schwarze Meer, das es ermöglichen wird, das Getreide freizugeben und eine Antwort auf die Frage der Ernährungssicherheit zu geben, die für so viele Schwellen- und Entwicklungsländer so entscheidend ist. Dieses doppelte Moratorium ist eine Notwendigkeit. Schlagen wir es vor und konfrontieren wir Russland mit seinen eigenen Worten.

Im Nahen und Mittleren Osten kann ebenfalls nur die Achtung der Souveränität jedes Einzelnen Frieden und Sicherheit für alle bringen, und dafür treten wir ein. Achtung der Souveränität für die vertriebenen Libanesen, deren Dörfer im Süden eines nach dem anderen zerstört werden. Nur ein voll souveräner Libanon wird die Hisbollah dazu bringen können, die Waffen niederzulegen, und die Sicherheit für die Libanesen und alle Nachbarn wiederherstellen. Souveränität des Libanon und seines Volkes.

Souveränität für die Palästinenser, deren elementarste Rechte auch heute noch mit Füßen getreten werden. Vor einem Jahr haben wir hier, an genau dieser Stelle, als etwa ein Dutzend Staaten Palästina anerkannt. Ich höre den Zynismus mancher: Anerkennung auf dem Papier, seht euch die Wirklichkeit an. Aber was ist unsere Glaubwürdigkeit wert, wenn wir angesichts von Gaza weiterhin untätig bleiben? Manche rühmen sich eines angeblichen Friedens, aber dieser Frieden hat die humanitären Zugänge nicht eine Sekunde lang wieder geöffnet. Sollen wir dieses Schauspiel betrachten, für das wir uns alle schämen müssen? Niemals.

Sehen Sie sich an, was im Westjordanland geschieht, wo jeden Tag Rechtsverletzungen begangen werden. In wessen Namen? Die Hamas war im Westjordanland nie aktiv. Das heißt, Tag für Tag die Unmöglichkeit eines Vorhabens herbeizuführen, nämlich der Achtung der legitimen Rechte des palästinensischen Volkes auf Existenz. Das aber sind zugleich genau die Voraussetzungen für die Sicherheit Israels und seines Volkes heute und morgen – eine Sicherheit, der wir verbunden sind, eine Existenz, der wir verbunden sind. Aber alle, die behaupten, die Sicherheit Israels erfordere die Verletzung der Souveränität all seiner Nachbarn, begehen einen verhängnisvollen Fehler, schwächen die Sicherheit Israels für heute und morgen und gefährden sie.

Souveränität auch für Syrien, dessen Revolution nicht enttäuscht werden darf. Ich war vor einigen Monaten in Damaskus, um dem Aufbau des freien Syriens die Unterstützung Frankreichs zu bringen, und wir müssen diese Anstrengungen fortsetzen und auch dort Syrien ermöglichen, seine Souveränität und Einheit vollständig wiederherzustellen. Frankreich ist an jeder dieser Fronten engagiert, so wie wir gemeinsam mit Italien, mit Unterstützung Jordaniens und einiger anderer sowie aller Freunde des Libanon daran arbeiten, eine wirksame Fortsetzung unseres halben Jahrhunderts Engagement in der UNIFIL zu finden – im Dienst aller Libanesen und der Souveränität ihres Landes.

Also keine doppelten Standards. Souveränität der Völker überall.

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Drittens: Keine Spaltung zwischen Nord und Süd

Meine dritte Überzeugung ist, dass wir der Spaltung der Welt nicht nachgeben dürfen, diesem Bruch zwischen Nord und Süd, den viele beschreiben und den manche ausnutzen. Wir werden keine der Herausforderungen des Planeten bewältigen, wenn wir zulassen, dass sich diese Spaltung festsetzt. Sie setzt sich fest und nährt sich aus doppelten Standards, wo manche sie praktizieren; wir aber müssen Nord und Süd versöhnen, um die Herausforderungen anzugehen, sei es beim Klima, bei der Gesundheit oder bei der Entwicklung.

Deshalb haben wir in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen ergriffen: gegen Covid mit den Initiativen ACT-A und COVAX, in Partnerschaft mit der Weltgesundheitsorganisation und der Afrikanischen Union; und als es darum ging, die Volkswirtschaften mit dem Internationalen Währungsfonds wieder anzukurbeln, um Sonderziehungsrechte umzuverteilen und die afrikanischen Volkswirtschaften besser zu finanzieren. Und wir haben Wort gehalten, indem wir mehr als 100 Milliarden Dollar an Ziehungsrechten umverteilt haben, um den afrikanischen Ländern zu helfen.

Aber wir müssen ständig darauf achten, die Einheit zu wahren und die Blöcke nicht gegeneinander auszuspielen. Deshalb ist es so wichtig, die weltweite Gesundheitsarchitektur nicht zerbrechen zu lassen. Wir müssen ihre Reform weiter voranbringen, aber ohne jemals die Weltgesundheitsorganisation zu schwächen – indem wir den Pandemievertrag fertigstellen und die WHO und Africa CDC unterstützen, um Ebola noch wirksamer zu bekämpfen.

Wir müssen auch unsere öffentliche Entwicklungshilfe mit klarem Blick reformieren und solidarische Investitionen viel wirksamer gestalten. Das ist der Sinn dessen, was wir 2023 mit dem Pakt für Wohlstand, Menschen und Planeten getan haben. Das ist der Sinn der Initiative, die vor einigen Monaten in Nairobi beim Gipfel „Africa Forward“ ergriffen wurde: einen neuen Konsens für solidarische Investitionen zu schaffen – in einer Zeit, in der so viele Länder ihre Transfers kürzen und doch der Bedarf vieler Länder des Südens wächst. Wir müssen schneller und entschiedener vorgehen, um dem IWF und der Weltbank zu mehr Wirksamkeit zu verhelfen, die Wirksamkeit ihrer Instrumente zu verbessern, den Privatsektor besser zu mobilisieren und Garantiemechanismen aufzubauen, damit wir in den Schwellenländern, den Ländern mit mittlerem Einkommen und den Entwicklungsländern eine wirksamere Antwort geben können. Diese neue finanzielle Partnerschaft müssen wir aufbauen, um den Bruch zwischen Nord und Süd zu vermeiden.

Ebenso führt und wird diese Nord-Süd-Partnerschaft über unsere Fähigkeit führen, Gespräche über unsere gemeinsame Geschichte, unsere Erinnerungen und unsere kulturellen Beziehungen wieder aufzunehmen. Das hat Frankreich in den letzten Jahren versucht: durch eine Arbeit des Kennens und Anerkennens auf der Grundlage gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeiten, indem wir ein Gesetzgebungsverfahren angestoßen haben, das es uns ermöglicht hat, die Rückgabe von Kulturgütern in Gang zu setzen, und so gewissermaßen auch eine Partnerschaft der Erinnerung, der Kultur und der Geschichte mit vielen Ländern des Südens zu pflegen. Und wir setzen, insbesondere mit Ghana, aber auch mit allen Partnern, die es wünschen, die Arbeit fort, um den geäußerten Anliegen nach wiedergutmachender Gerechtigkeit zu begegnen. Es ist eine Frage des Respekts, und auf diesem Respekt baut auch das Zusammenkommen von Nord und Süd auf.

Über Entwicklungs- und Erinnerungspolitik hinaus erfordern neue Partnerschaften auch eine Globalisierung, einen Welthandel, der wirksamer und gerechter ist. Das haben wir beim von Frankreich ausgerichteten G7-Gipfel versucht, indem wir mehrere Länder des Südens einbezogen und über den „Gipfel der Konvergenzen“ einen Dialog über die G7 hinaus aufgebaut haben – mit China, Indien, Brasilien, Korea, Kenia und weiteren –, um unsere gemeinsame Organisation zu verbessern, die Anhäufung kritischer Mineralien und seltener Erden in den Händen weniger zu verhindern und eine wirksamere Zusammenarbeit in Handels- wie in Währungsfragen zu ermöglichen. Im Grunde, Sie verstehen es, tragen wir eine Verantwortung dafür, dass sich dieser Bruch zwischen zwei Blöcken nicht festsetzt.

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Viertens: Klima und Biodiversität

Der vierte Grundsatz ist, beim Klima und bei der Biodiversität nicht dem Fatalismus nachzugeben. Wir haben in den letzten Jahren viel erreicht. Seit dem Pariser Abkommen vor elf Jahren, dessen Grundsätze gültig bleiben, dessen Vereinbarungen zu verteidigen sind und von denen wir nicht abweichen dürfen. Aber ich höre wie Sie den Zweifel, der bei manchen aufkommt, und bei anderen das Infragestellen der Wissenschaft, und deshalb: Geben wir auch hier nichts preis. Wenn wir die Herausforderungen des Planeten, die des Klimas und der Biodiversität, bewältigen wollen, brauchen wir einen Multilateralismus der Tat.

Das haben wir mit den One Planet Summits versucht. Das haben wir auch gemeinsam versucht und geschafft, wenn man auf die Frage der Ozeane blickt. Vor einigen Jahren sagte uns jeder, es sei unmöglich, Abkommen zum Schutz unserer Meeresschutzgebiete, unserer Ozeane zu schließen. Sehen Sie, was wir vor einigen Jahren getan haben: 30 Prozent unserer Landfläche und unserer Meere zu schützen. Wir haben dieses Abkommen geschaffen. Wir verbessern jedes Jahr seine Umsetzung.

Und dann sagten uns viele, wir würden es im Grunde nie schaffen, das zu bewahren, was mehr als zwei Drittel unserer Ozeane ausmacht: die Hohe See jenseits unserer ausschließlichen Wirtschaftszonen. Es ist uns gelungen, diese Verhandlung zu führen und auch dabei die Großmächte einzubinden. Das war das sogenannte BBNJ-Abkommen. Und innerhalb weniger Monate haben wir die mehr als 60 Ratifizierungen zusammenbekommen, sodass dieses Abkommen heute in Kraft ist. Der Gipfel von Nizza, der die Nationen im Juni letzten Jahres zur UNOC 3 [dritte UN-Ozeankonferenz] zusammenbrachte, hat diese Arbeit beschleunigt, dazu einige weitere Ergebnisse, und die erste COP zu den Ozeanen wird in einigen Monaten, im Januar, stattfinden.

Das ist ein großartiger Beweis für unsere Fähigkeit, konkrete Ergebnisse zu erzielen, wenn wir uns mobilisieren und gemeinsam handeln. Geben wir also nichts dem Fatalismus des Augenblicks preis. Verteidigen wir das Erreichte, aber verteidigen wir auch unsere Grundsätze. Wir müssen die unabhängige und freie Wissenschaft verteidigen. Schützen wir den Weltklimarat, den Weltbiodiversitätsrat [IPBES], unsere Wissenschaftler, die uns warnen, die messen, die bewerten. Halten wir fest am Pariser Abkommen, an unserem nationalen Pfad, an unserer Dekarbonisierung und am Ziel der Klimaneutralität bis 2050. Übernehmen wir Verantwortung, beschleunigen wir Kooperation und Innovation, nehmen wir die Arbeit an Biodiversitätszertifikaten wieder auf und setzen wir unsere Ziele beim Schutz der Wälder und der Ozeane um. Es gibt keinen Fatalismus, nur Entscheidungen, die wir schon heute treffen müssen – für uns, die wir bereits Opfer der Klimaveränderung sind, und mehr noch für unsere Kinder.

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Fünftens: Künstliche Intelligenz

Und schließlich: Geben wir nichts dem Weltzustand preis, der sich bei der künstlichen Intelligenz herausbildet und mit dem uns einige glauben machen wollen, dass nur zwei Mächte, die Vereinigten Staaten und China, entscheiden könnten – oder genauer, dass einige wenige Wirtschaftsakteure über alles entscheiden könnten: darüber, welche Innovationen sie vorantreiben wollen; die einen darüber, eine Pause einzulegen, die anderen nicht; darüber, ob ihre Innovationen die nationale Sicherheit unserer Staaten gefährden und es morgen ermöglichen werden, unsere Krankenhäuser oder unsere Banken anzugreifen; und auch darüber, wie die Zukunft unserer Gesellschaften aussieht. Nein, nein.

Und das ist für uns nicht neu. Schon 2018 haben wir in der G7 mit unseren kanadischen Freunden die Globale Partnerschaft für künstliche Intelligenz gegründet und diese Struktur an die OECD angebunden, um die Diskussion über die Notwendigkeit einer Regulierung zu beginnen. Beim Gipfel für Aktion zur künstlichen Intelligenz, der 2025 in Paris stattfand, 2026 von Indien fortgesetzt wurde und nächstes Jahr in der Schweiz stattfinden wird, haben wir uns für zwei ganz einfache Dinge eingesetzt: dass jede Region der Welt eigene Rechenkapazitäten, eigene große Sprachmodelle [LLM] und eigene KI-Ökosysteme aufbauen kann, und dass wir die Möglichkeit entwickeln, diese Modelle zu überprüfen, und nicht einfach von einigen wenigen privaten Akteuren abhängig sind. Europa war übrigens mit dem AI Act das erste, das diese Grundsätze aufgestellt hat, insbesondere die Möglichkeit, diese Modelle zu überprüfen. Auf diesem Weg müssen wir weitergehen.

Und in diesem Zusammenhang möchte ich hier einen Punkt besonders betonen: unsere Jugend und unsere Kinder. Wir haben zu lange gezögert, unsere Kinder und Jugendlichen vor den sozialen Netzwerken zu schützen. Überall in unseren Gesellschaften sehen wir die Folgen: nachlassende Lernfähigkeit, bei den einen eine Epidemie von Übergewicht, bei den anderen von psychischen Erkrankungen. Die Befunde liegen vor, und die Zusammenhänge sind gut belegt. Deshalb haben wir mit einigen [Partnern] eine große Initiative gestartet, um unsere Kinder und Jugendlichen vor dem Zugang zu sozialen Netzwerken vor dem Alter von 15 oder 16 Jahren – je nach Land – zu schützen, und Europa ist diesem Schritt nun gefolgt und hat beschlossen, eine Regulierung auf den Weg zu bringen. Und ich möchte hier die Vorreiterrolle der Australier würdigen, die als Erste auf diesem Gebiet Gesetze erlassen haben. Wir werden diesen Kampf bis zum Ende führen.

Aber warten wir bei der künstlichen Intelligenz nicht auf dieselben Folgen. Schon jetzt müssen wir unsere Kinder und Jugendlichen in dieser Hinsicht schützen. Sehen Sie sich an, welche Wirkung Chatbots auf unsere Kinder haben. Deshalb haben wir mit Kenia, Spanien und Australien die Koalition für die Rechte und den Schutz von Kindern im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ins Leben gerufen. Schon heute Nachmittag bringen wir sie in Bewegung. Und das Pariser Friedensforum wird der Ort sein, an dem wir am 10. und 11. November alle Regierungen, alle Organisationen, alle öffentlichen und privaten Akteure, Unternehmen und Wissenschaftler zusammenbringen wollen, die diese Agenda zum Schutz unserer Kinder voranbringen wollen. Ich lade Sie deshalb für den 10. und 11. November nach Paris ein.

Darüber hinaus sehen wir deutlich, dass der Wettlauf um die Spitzenmodelle [„Frontier-Modelle“] begonnen hat. Wir müssen weiter investieren, jeder in seiner Region, um daran teilzunehmen. Und Frankreich ist stolz, gerade einen Akteur zu haben, der im Wettbewerb der Spitzenmodelle mithält. Und wir werden weiter investieren und Mistral AI begleiten, um unseren Rang zu halten und zu versuchen, ein solches Modell zu haben. Aber wir müssen auch neue Formen der Zusammenarbeit aufbauen. Und ich wünsche mir von Herzen, dass alle souveränen Staaten, die ihrer Unabhängigkeit verbunden sind – Europäer, Kanadier, Brasilianer, Inder, Indonesier, Afrikaner, die Golfstaaten, Singapur und weitere –, diese Koalition der Unabhängigen, die ich schon mehrfach angesprochen habe, also im Grunde diejenigen, die nicht zu Vasallen der einen oder anderen der beiden Weltmächte werden wollen, sich zusammentun, um ein quelloffenes Spitzenmodell zu entwickeln, indem sie die ihnen verfügbaren Rechenkapazitäten und ihre Investitionskraft bündeln, um ein Open-Source-Spitzenmodell der künstlichen Intelligenz zu bauen, das wir gemeinsam nutzen würden. Wir dürfen weder vom einen noch vom anderen abhängig sein, und wir müssen es schaffen, eine solche Agenda durch Zusammenarbeit voranzubringen.

Schließlich gibt es Bereiche, in denen wir klar die neuen Spielregeln festlegen müssen: Künstliche Intelligenz im Weltraum, in der Verteidigung, in der Cybersicherheit hat, wie ich sagte, tiefgreifende Folgen, die unsere nationale Sicherheit berühren. Wir haben diesen Dialog beim G7-Gipfel im vergangenen Juni in Évian angestoßen. Mehrere haben sich inzwischen dafür eingesetzt, und wir unterstützen den Aufruf unserer norwegischen und finnischen Freunde. Und wir wollen im Rahmen der G7 und in enger Verbindung mit unseren britischen Freunden, die im nächsten Jahr den G20-Vorsitz innehaben, eine Agenda der Zusammenarbeit bei der künstlichen Intelligenz aufbauen, um die sensibelsten Bereiche zu schützen, die unsere nationale Sicherheit betreffen. So wie wir uns in der Vergangenheit darauf einigen konnten, eine neue internationale Architektur zu schaffen, als es um chemische Waffen oder andere Risiken ging, müssen wir anerkennen, dass heute Themen aufkommen – beim Weltraum, bei der Verteidigung, bei der Cybersicherheit –, bei denen wir die Kontrolle zurückgewinnen müssen und die besondere Formen der Zusammenarbeit und einen besonderen Rahmen zwischen den Mitgliedstaaten erfordern. Und diese Zusammenarbeit und diesen Rahmen müssen wir schaffen. Hier dürfen wir nichts preisgeben.

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Schluss: „Geben wir nichts preis“

Das sind die fünf Handlungsgrundsätze – und ich bin in jeder Hinsicht nicht vollständig, aber ich will es dabei belassen –, an die Frankreich glaubt und die ich heute vor Ihnen verteidigen wollte. Und im Grunde lautet meine Botschaft zu diesen fünf Punkten: nichts preiszugeben. Nichts preiszugeben dem, was sich gerade festsetzt, nämlich im Grunde eine langsame Spaltung der Welt, ein Geist der Niederlage, der sich breitmacht und der einigen den Machtmissbrauch überließe: Machtmissbrauch von Imperien, die die Souveränität der einen oder anderen bedrohen; Machtmissbrauch einiger weniger, die die Kapitalkraft konzentrieren und das Recht hätten, die Umwelt zu verschmutzen oder die Rechenkapazitäten für alle an sich zu ziehen; Machtmissbrauch einiger weniger, die den Reichtum konzentrieren wollen.

Gegen den Machtmissbrauch müssen wir wiederfinden, was die Lebenskraft unserer Organisation ausmacht: diesen Multilateralismus, der die Verteidigung eines gemeinsamen Interesses, einer Gerechtigkeit für alle ist und der es im Grunde ermöglicht, durch Einheit, Gerechtigkeit und Zusammenarbeit die einzige Wirksamkeit wiederzuerlangen – jene, die es erlaubt, in unseren Ländern einen gerechten und dauerhaften Frieden wiederherzustellen, die Einheit zwischen Nord und Süd wiederzufinden und eine Handlungsagenda beim Klima wie bei der Technologie neu aufzubauen. Geben wir nichts preis.

Mehr denn je brauchen wir unsere Vereinten Nationen. Und in der Stunde, in der wir unseren Generalsekretär wählen – und ich möchte hier das Wirken von António Guterres in all diesen Jahren und in diesem so harten Klima würdigen; er hat nie etwas preisgegeben –, in dieser Stunde, in der wir uns alten Krisen und neuen Herausforderungen stellen müssen, müssen wir in der Tat weiter handeln, heute mehr denn je, den Mut haben, optimistisch zu sein, uns zu mobilisieren und nützlich zu sein, und dem Zeitgeist nichts preisgeben – für alle. Es leben die Vereinten Nationen! Danke.

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Abschluss durch den Vorsitz der Generalversammlung

Im Namen der Generalversammlung möchte ich dem Präsidenten der Französischen Republik danken.

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