Der japanische Neurologe, den es nie gab
Ein viraler Text über das Schreiben mit der Hand – und warum kein Wort davon belegt ist.
Ein Bekannter schickte mir neulich einen Text, der gerade durch TikTok und Facebook wandert. Es geht darin um einen Dr. Hiroshi Tanaka, der zwischen 2011 und 2019 in einem Geriatriezentrum in Kyoto 300 Menschen über 80 untersucht habe. Alle mit gestochen scharfem Gedächtnis, keine Demenz, kein geistiger Abbau. Und alle mit einer einzigen Gewohnheit: Sie schrieben jeden Tag zehn bis fünfzehn Minuten mit der Hand.
Ich gebe zu: Ich hätte das gern geglaubt. Handschrift ist schließlich mein Thema. Dann habe ich nachgesehen.
Es gibt keinen Dr. Hiroshi Tanaka. Es gibt die Studie nicht. Und trotzdem stimmt an der Sache etwas.
Es gibt ihn nicht
Keine Veröffentlichung, kein Eintrag in medizinischen Fachdatenbanken, kein Geriatriezentrum in Kyoto, das je eine solche Studie durchgeführt hätte. Der Name taucht ausschließlich in Kurzvideos auf – und dort in immer neuen Rollen. Mal erforscht „Dr. Hiroshi Tanaka“ das Einschlafverhalten japanischer Mönche. Mal führte er angeblich 1978 eine ganz andere Studie durch. Es ist ein Platzhaltername aus einer Content-Fabrik, der jeder beliebigen Behauptung einen Anstrich von Wissenschaft geben soll.
Auch die Studie selbst ist in sich unmöglich: 300 über 80-Jährige, „alle ohne kognitiven Abbau“, ausgerechnet in einem Geriatriezentrum – also genau dort, wo die Kranken sind. Und eine Untersuchung, die nur Gesunde anschaut, kann grundsätzlich keine Ursache finden. Dafür bräuchte es eine Vergleichsgruppe.
Der entscheidende Denkfehler steckt aber woanders. Nehmen wir einmal an, die Zahlen stimmten. Schreibt jemand mit 85 noch täglich eine Viertelstunde mit der Hand und hat deshalb ein gutes Gedächtnis? Oder schreibt er, weil Augen, Hände und Kopf noch mitmachen? Die zweite Erklärung ist mindestens genauso plausibel – und aus dem Text heraus nicht zu widerlegen.
Woran Sie solche Texte erkennen
Dieselbe Machart begegnet Ihnen inzwischen wöchentlich – bei Gesundheitsthemen, bei Ernährung, bei Finanztipps. Drei Merkmale verraten sie fast immer:
- Genaue Zahlen ohne Quelle – „300 Patienten“, „zwischen 2011 und 2019“, „nach sechs Monaten“. Aber nirgends ein Hinweis, wo das nachzulesen wäre. Echte Studien werden benannt, denn das ist ihr Wert.
- Ein Forschername ohne Adresse – kein Institut, keine Universität, keine Fachzeitschrift. Wer den Namen in eine Suchmaschine eingibt, findet nur weitere Kurzvideos.
- Die Andeutung, jemand wolle es verheimlichen – im Originaltext steht der Satz „Und es konnte nicht patentiert werden“. Das soll nach unterdrücktem Wissen klingen. Es ist der billigste Trick im Repertoire.
Und eine vierte Regel, die immer gilt: Je genauer ein Text bestätigt, was Sie ohnehin gern glauben würden, desto ruhiger sollten Sie ihn prüfen.
Das Erstaunliche: Die Wahrheit ist gut genug
Handschrift braucht keine erfundene Studie. Es gibt echte.
Trondheim, 2024. Audrey van der Meer und ihr Team legten Studierenden ein EEG mit 256 Messpunkten an, während diese abwechselnd mit der Hand schrieben und tippten. Beim Handschreiben entstanden sechzehn deutliche Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnregionen. Beim Tippen keine.
Baltimore, 2021. An der Johns Hopkins University lernten zweiundvierzig Erwachsene das arabische Alphabet – eine Gruppe schreibend, eine tippend, eine über Videos. In der Schreibgruppe saßen einige schon nach zwei Sitzungen sicher im Stoff, während die anderen teils bis zu sechs brauchten. Und die Schreibenden konnten das Gelernte besser auf unbekannte Wörter übertragen.
Und in Deutschland? Die STEP-Studie des Schreibmotorik Instituts, gemeinsam mit dem Verband Bildung und Erziehung, hat 2022 bundesweit über 800 Lehrkräfte befragt. Ergebnis: An Grundschulen ist nur etwa jede fünfte Lehrkraft mit der Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler zufrieden, an weiterführenden Schulen nur jede achte. Rund die Hälfte der Jungen hat Probleme beim Handschreiben, bei den Mädchen knapp ein Drittel. Und fast vier von fünf Grundschullehrkräften berichten, dass die Schreibfähigkeiten der Schulanfänger seit der Pandemie schlechter geworden sind.
Was diese Studien nicht sagen: dass Handschrift vor Demenz schützt. Das behauptet keine seriöse Forschung, und ich behaupte es auch nicht. Was sie sagen, ist bescheidener und trotzdem bemerkenswert: Wer mit der Hand schreibt, fordert Feinmotorik, Aufmerksamkeit und Sprachverarbeitung gleichzeitig. Wer tippt, weitgehend nicht.
Was bleibt
Ein paar Minuten täglich mit dem Stift machen niemanden zum Gedächtniskünstler. Aber es sind Minuten, in denen Sie etwas von sich verlangen, statt etwas zu konsumieren. Das ist, nüchtern betrachtet, der ganze Kern dessen, was der TikTok-Text so schaurig-schön übertrieben hat.
Wenn Ihnen demnächst wieder so ein Text begegnet und Sie unsicher sind, ob etwas dran ist: Schicken Sie ihn mir gern. Ich schaue nach – und wenn sich daraus ein lohnendes Thema ergibt, lesen Sie es hier im Blog oder im GRIPS-Newsletter.
Quellen
- van der Weel, F. R. & van der Meer, A. L. H. (2024): Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity. Frontiers in Psychology.
- Wiley, R. W. & Rapp, B. (2021): The Effects of Handwriting Experience on Literacy Learning. Psychological Science.
- Schreibmotorik Institut & VBE (2022): STEP-Studie 2022 – Ergebnisse.