Freiwirtschaft nach Silvio Gesell
Auf dieser Seite
- Die Idee in Kürze
- Historische Einordnung
- Pro und Contra
- Persönlicher Kommentar
- Weiterlesen: Links und Bücher
Die Idee in Kürze
Silvio Gesell (1862–1930), deutsch-argentinischer Kaufmann und Wirtschaftsreformer, entwickelte in seinem Hauptwerk Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld (1916) ein umfassendes Gegenmodell zum Kapitalismus. Es steht auf drei Säulen:
1. Freigeld (Schwundgeld)
Geld verliert regelmäßig an Wert — beispielsweise fünf bis sechs Prozent pro Jahr, durch sogenannte Umlaufgebühren. Dadurch wird das Horten von Bargeld unattraktiv: Wer Geld einfach liegen lässt, verliert. Es bleibt also in Bewegung, wird ausgegeben oder verliehen. Nach Gesells Überzeugung würde dadurch die Nachfrage nach Krediten so hoch, dass Zinsen langfristig gegen null tendieren. Leistungsloses Einkommen aus Kapitalbesitz würde verschwinden.
2. Freiland
Grund und Boden gehört der Allgemeinheit. Nicht der Bauer oder Hauseigentümer besitzt seinen Boden, sondern pachtet ihn langfristig von der Gemeinschaft. So verschwindet Bodenspekulation, Grundrente als leistungsloses Einkommen gibt es nicht mehr, und die Pachterträge fließen in öffentliche Aufgaben — Gesell dachte dabei besonders an die Finanzierung von Müttern und Kindern.
3. Freihandel
Möglichst unbehinderter Warenaustausch zwischen den Ländern. Die beiden anderen Säulen — Freigeld und Freiland — nehmen dem Handel seine ausbeuterischen Züge, sodass er ohne Zölle und Handelsbarrieren auskommt.
Das „Wunder von Wörgl"
Die bekannteste praktische Erprobung des Freigeld-Prinzips fand 1932/33 im österreichischen Wörgl statt. Der Bürgermeister gab in der Wirtschaftskrise ein eigenes Notgeld mit monatlicher Umlaufgebühr aus. Das Geld zirkulierte rasant, die lokale Arbeitslosigkeit sank drastisch, Straßen und Brücken wurden gebaut. Nach wenigen Monaten verbot die Österreichische Nationalbank das Experiment. Heute gilt Wörgl als Beleg dafür, dass Schwundgeld im Kleinen funktioniert.
Heutige Spuren
Gesells Ideen leben in modernen Regionalwährungen wie dem Chiemgauer in Bayern fort, der seit 2003 erfolgreich mit einer Umlaufgebühr arbeitet. Auch die jüngste Niedrig- und Negativzinsphase der Zentralbanken hat die Debatte erneut belebt: Plötzlich war „Geld, das an Wert verliert" kein exotischer Gedanke mehr.
Pro und Contra
Dafür spricht
- Geld bleibt im Umlauf. Wer hortet, verliert — damit fließt mehr Geld in die reale Wirtschaft und erreicht die Menschen.
- Zinsen sinken. Geld wird weniger knapp, Kredite günstiger. Leistungsloses Einkommen aus Kapital tritt in den Hintergrund.
- Bodenspekulation endet. Grund und Boden als Gemeingut bedeutet: keine leistungslose Grundrente, stabilere Mieten, kein Immobilienhype.
- Ökologische Wirkung. Investiert wird in langlebige reale Werte, nicht in kurzfristige Finanzgewinne — potenziell nachhaltiger.
- Regionale Stärkung. Regionalwährungen wie der Chiemgauer zeigen: Das Prinzip funktioniert im Kleinen und stärkt lokale Kreisläufe.
- Gesamtansatz. Geld, Boden und Handel werden zusammen gedacht — nicht nur eine Stellschraube wird bewegt.
Dagegen spricht
- Schwundgeld = Dauerinflation. Fünf bis sechs Prozent jährlich entwerten das Sparvermögen — besonders hart für kleine Sparer und Rentner.
- Umsetzung im Alltag. Wie behandelt man Bargeld mit Ablaufmarken? Wie verhindert man Kapitalflucht in andere Währungen oder Sachwerte?
- Bodenreform verfassungsproblematisch. Die Verstaatlichung allen Bodens wäre in Deutschland politisch und rechtlich kaum durchsetzbar.
- Globale Wirtschaft. In einer offenen Welt würden Kapital und Handel das Freigeld-Land umgehen — ein Alleingang wäre kaum möglich.
- Niedrigzinsen auch ohne Schwundgeld. Die EZB hat jahrelang Negativzinsen praktiziert — die erhofften Wachstumseffekte blieben weitgehend aus.
- Utopie ohne Großversuch. Wörgl und Chiemgauer waren Kleinversuche — ob die Idee in einer großen Volkswirtschaft funktioniert, ist unbewiesen.
Persönlicher Kommentar
Gesells zentrale Beobachtung hat etwas Verblüffendes an sich: Güter altern, verderben, rosten — Geld nicht. Im Gegenteil, Geld bringt sogar noch Zinsen, wenn es liegen bleibt. Diese Asymmetrie zwischen „vergänglichem Gut" und „ewig haltbarem Geld" sieht Gesell als tiefere Ursache vieler wirtschaftlicher Probleme. Das ist eine Sichtweise, die mir einleuchtet, auch wenn sie im Lehrbuch selten vorkommt.
Das Wörgler Experiment und der Chiemgauer sind Belege dafür, dass die Idee im Kleinen funktioniert. Im Großen ist sie nie erprobt worden — aber das gilt für die meisten radikalen Ideen, und es ist kein Beweis, dass sie nicht funktionieren würde.
Besonders die Freiland-Säule ist heute wieder brandaktuell. Während wir über Mietendeckel und Wohnraummangel streiten, steckt in Gesells Gedanken eine tiefere Frage: Darf man Boden überhaupt besitzen — oder ist er ein Gemeingut, das man höchstens gebrauchen darf? Diese Frage ist über hundert Jahre alt, und sie ist noch immer nicht beantwortet.
Deshalb gehört für mich die Freiwirtschaft in diese Sammlung. Nicht als fertiges Programm, sondern als unbequemer Gedanke, der neben Vollgeld, Grundeinkommen und Konsumsteuer eine weitere Perspektive eröffnet. Auch diese Idee halte ich für wert, weiter verfolgt zu werden.
Weiterlesen
Links
- Silvio-Gesell-Portal — zentrale Infoseite mit Texten, Biografie und Literatur
- Silvio-Gesell-Tagungsstätte Wuppertal — aktueller Treffpunkt der Bewegung
- Der Chiemgauer — die bekannteste deutsche Regionalwährung mit Umlaufgebühr
- Silvio Gesell (Wikipedia)
- Freiwirtschaft (Wikipedia)
- Werner Onken: Einführung in Leben und Werk Gesells (PDF)
Bücher
Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld
Silvio Gesell selbst — das Originalwerk von 1916. Grundlegend, stellenweise altmodisch in der Sprache, aber die Quelle aller späteren Diskussionen. In mehreren aktuellen Ausgaben erhältlich.
Geld ohne Zinsen und Inflation
Margrit Kennedy erklärt Gesells Grundgedanken allgemein verständlich und ohne VWL-Vorkenntnisse — der Klassiker für den Einstieg in das Thema.
Das Geldsyndrom
Helmut Creutz legt detailreich die Wirkungen des bestehenden Zinssystems dar und zeigt, wie eine Geldreform nach Gesell aussehen könnte — umfangreich und materialreich.
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